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Geschichte
Über ein Jahrhundert Schlesienforschung
Die Historische Kommission für Schlesien wurde 1921 in Breslau gegründet. Seit mehr als einem Jahrhundert widmet sie sich der Erforschung, Dokumentation und Vermittlung der Geschichte Schlesiens. Ihre eigene Geschichte spiegelt dabei die tiefgreifenden politischen und wissenschaftlichen Umbrüche des 20. Jahrhunderts wider: von der landesgeschichtlichen Forschung der Zwischenkriegszeit über Krieg, Verlust und Neubeginn bis zur heutigen grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Deutschland, Polen, Tschechien und weiteren Ländern.
Heute versteht die Kommission Schlesien als einen historischen Kulturraum, dessen Geschichte nicht innerhalb einer einzelnen nationalen Perspektive erklärt werden kann. Forschung, Publikationen, Tagungen und internationale Kooperationen verbinden deshalb unterschiedliche wissenschaftliche Traditionen und Sichtweisen.
1921
Gründung am 12. November in Breslau
1951
Wiederaufnahme der Arbeit in Marburg
1989/90
Neue Möglichkeiten für deutsch-polnisch-tschechische Zusammenarbeit
2021
100 Jahre Historische Kommission für Schlesien
1921 · Breslau
Die Gründung in einer Zeit des Umbruchs
Am 12. November 1921 wurde die Historische Kommission für Schlesien in Breslau gegründet. Die Initiative ging vom Verein für Geschichte Schlesiens aus; eng verbunden war die neue Kommission zugleich mit dem Breslauer Staatsarchiv und der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität.
Zum ersten Vorsitzenden wurde der Mediävist Robert Holtzmann gewählt, zum zweiten Vorsitzenden der Breslauer Staatsarchivdirektor Konrad Wutke. Die Geschäftsstelle befand sich im Staatsarchiv. Von Beginn an war die Kommission interdisziplinär angelegt: Neben Historikern und Archivaren beteiligten sich unter anderem Kunsthistoriker, Denkmalpfleger, Kartographen, Musikwissenschaftler und Theologen.
Zu den frühen Arbeitsvorhaben gehörten biographische Nachschlagewerke, bibliographische Arbeiten und große Quelleneditionen. Einen besonderen Stellenwert erhielten die „Schlesischen Lebensbilder“, das „Schlesische Urkundenbuch“ und die Arbeiten an einer wissenschaftlichen Gesamtdarstellung der Geschichte Schlesiens.
1933–1945 · Wissenschaft unter politischen Bedingungen
Brüche und Verstrickungen
Die Geschichte der Kommission in der Zeit des Nationalsozialismus gehört ausdrücklich zu ihrer eigenen Institutionengeschichte. Im Herbst 1933 musste der damalige Vorsitzende Franz Xaver Seppelt aus politischen Gründen sein Amt aufgeben. Anfang 1934 übernahm Hermann Aubin den Vorsitz. Unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik veränderten sich Arbeitsmöglichkeiten, Themen und institutionelle Spielräume.
Einzelne Vorhaben wurden eingeschränkt oder konnten nicht weitergeführt werden. Zugleich waren Mitglieder der Kommission in unterschiedlicher Weise in die wissenschaftlichen und politischen Strukturen ihrer Zeit eingebunden. Die 2021 veröffentlichte Gesamtdarstellung zur hundertjährigen Geschichte der Kommission widmet diesen Zusammenhängen bewusst breiten Raum und versteht die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit als Teil wissenschaftlicher Selbstreflexion.
Der Zweite Weltkrieg führte schließlich zu einem weitgehenden Zusammenbruch der bisherigen Arbeitsgrundlagen. Mit Krieg, Zerstörung, Flucht und Vertreibung gingen institutionelle Zusammenhänge, Arbeitsmöglichkeiten und Teile der wissenschaftlichen Überlieferung verloren.
1951 · Marburg
Neubeginn unter veränderten Bedingungen
Nach mehreren Jahren der Unterbrechung nahm die Historische Kommission für Schlesien ihre Arbeit 1951 in der Bundesrepublik Deutschland wieder auf. Am 15. September 1951 fand im Zusammenhang mit dem Deutschen Historikertag in Marburg eine Hauptversammlung statt, auf der auch eine neue Satzung beraten wurde. Marburg wurde zum neuen Vereinssitz.
Zum ersten Vorsitzenden wurde Herbert Schlenger gewählt, zum zweiten Vorsitzenden Ludwig Petry. Der Neubeginn erfolgte in enger Verbindung mit dem Johann Gottfried Herder-Forschungsrat. Inhaltlich knüpfte die Kommission an ältere Vorhaben an und setzte insbesondere langfristige Editions- und Publikationsprojekte fort.
In den folgenden Jahrzehnten erschienen unter anderem weitere Bände der „Schlesischen Lebensbilder“, das mehrbändige „Schlesische Urkundenbuch“, die Reihe „Quellen und Darstellungen zur schlesischen Geschichte“ sowie Arbeiten an einer umfassenden „Geschichte Schlesiens“.
Seit den 1960er Jahren
Vom geteilten Europa zur grenzüberschreitenden Forschung
Bereits seit den 1960er Jahren entstanden durch persönliche Kontakte erste Beziehungen zu polnischen und tschechischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Unter den Bedingungen des Kalten Krieges blieben solche Kontakte jedoch schwierig und vielfach auf einzelne Personen beschränkt.
Mit den politischen Umbrüchen von 1989/90 änderten sich die Möglichkeiten der Zusammenarbeit grundlegend. Gemeinsame Forschungsprojekte, Tagungen und Publikationen konnten nun wesentlich leichter über nationale Grenzen hinweg entwickelt werden.
Heute betrachtet die Historische Kommission schlesische Geschichte als Teil der gemeinsamen Geschichte Deutschlands, Polens und Tschechiens. Sie arbeitet mit Einrichtungen in mehreren Ländern zusammen, unterstützt Forschungsprojekte und Publikationsvorhaben und bringt Fachleute unterschiedlicher Disziplinen miteinander ins Gespräch. Damit versteht sie sich nicht allein als Forschungsvereinigung, sondern auch als Vermittlerin zwischen wissenschaftlichen Traditionen, Institutionen und Öffentlichkeit.
Mehr als 100 Jahre im Überblick
1921
Am 12. November entsteht die Historische Kommission für Schlesien auf Initiative des Vereins für Geschichte Schlesiens und in enger Verbindung mit dem Breslauer Staatsarchiv.
1922
Mit den „Schlesiern des 19. Jahrhunderts“ beginnt eine Publikationsreihe, die bis heute fortgeführt wird.
1933/34
Franz Xaver Seppelt muss den Vorsitz aufgeben; Hermann Aubin übernimmt Anfang 1934 die Leitung.
1943/45
Der Krieg bringt die wissenschaftliche Arbeit weitgehend zum Erliegen; 1945 gehen die bisherigen institutionellen Grundlagen verloren.
1951
Die Kommission konstituiert sich unter veränderten Bedingungen neu. Herbert Schlenger wird Erster Vorsitzender.
1960er
Mitglieder knüpfen persönliche wissenschaftliche Beziehungen zu Fachkollegen in Polen und der Tschechoslowakei.
1989/90
Der politische Wandel in Mittel- und Ostmitteleuropa eröffnet neue Möglichkeiten für gemeinsame Projekte und Tagungen.
2021
Die Kommission begeht ihr Jubiläum in Görlitz. Zugleich erscheint eine zweibändige Gesamtdarstellung ihrer Geschichte.
Heute
Die Kommission verbindet Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Länder und Disziplinen und fördert Forschung, Publikationen und den wissenschaftlichen Nachwuchs.
100 Jahre Historische Kommission für Schlesien
Zum hundertjährigen Bestehen erschien 2021 eine zweibändige Gesamtdarstellung zur Geschichte der Kommission. Das mehr als tausend Seiten umfassende Werk verbindet institutionelle Geschichte mit einer kritischen Untersuchung des Verhältnisses von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit im 20. Jahrhundert.
Das Jubiläum wurde am 9. Oktober 2021 mit einer Festveranstaltung im Schlesischen Museum zu Görlitz begangen. Rückblick und Selbstreflexion waren dabei ebenso wichtig wie die Frage, welche Rolle grenzüberschreitende Landesgeschichte in Gegenwart und Zukunft spielen kann.