Sprachen

Dr. Beate Störtkuhl

 

Architektur der Moderne in Breslau und in Schlesien in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts

Die Erforschung der Architekturgeschichte der Moderne in Schlesien ist ein kunsthistorisches Langzeitprojekt, das in Zusammenarbeit mit dem Architekturmuseum in Breslau (Muzeum Architektury we Wrocławiu) realisiert wird. Im Zentrum des Interesses steht das Baugeschehen in Breslau, da die Stadt im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts eines der Zentren innovativer Architektur in Deutschland war. In den damals entstandenen Bauten und Entwürfen spiegelt sich die von raschem Wandel und vielfältigen Einflusssträngen geprägte Architekturgeschichte dieser Jahrzehnte wie nur in wenigen Städten. Bedeutende Architekten waren über längere Zeit oder an einzelnen Projekten in Breslau tätig, unter ihnen Max Berg, Hans Poelzig, Ernst May, Erich Mendelsohn, Adolf Rading oder Hans Scharoun. Ihre Werke und ihr kulturelles Engagement entfalteten eine überregionale Ausstrahlung und wirkten prägend für die regionale Architekturszene – dennoch blieb nach 1945 gerade ihre schlesische Werkphase lange unerforscht. Neben den ‚großen Namen‘ gibt es eine beträchtliche Zahl von Baukünstlern, deren Stellung innerhalb des Architekturgeschehens es zu ermitteln gilt.
Die architekturhistorische Analyse und Kontextualisierung des Materials erfolgt zunächst im lokalen Umfeld. Hier stehen nicht zuletzt sozial- und  mentalitätsgeschichtliche Fragestellungen im Mittelpunkt: Weshalb entstanden gerade in Breslau, in der östlichen Provinz des damaligen Deutschen Reiches, bedeutende Bauten der Moderne? Welche Motivationen hatten die Auftraggeber? Wie wurde die Moderne von Kritikern und Publikum aufgenommen? Im regionalen Kontext ist die Wirkung der Breslauer Architekturszene auf andere Städte in Nieder- und Oberschlesien zu untersuchen: Orientierten sich die örtlichen Architekten an Breslauer Vorbildern? Wirkten Breslauer Architekten in anderen Städten? Entwickelte sich daraus eine „schlesische Moderne“? Schließlich ist die überregionale Einbettung zu leisten – in die Architekturgeschichte Deutschlands und Europas, in transatlantische Bezüge, die sich in den 1919/20 entstandenen Hochhausentwürfen Max Bergs zeigen, aber auch in der Tätigkeit von Emigranten wie Hugo Leipziger in den USA.
Ziel ist eine Gesamtdarstellung des Breslauer Architekturgeschehens in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts im breiten architekturhistorischen Kontext, mit Objektkatalog und Architektenporträts. Dazu entsteht eine umfangreiche Ausstellung, die in Polen und in Deutschland präsentiert werden soll. Teilergebnisse werden kontinuierlich in Form von Monographien sowie in Beiträgen zu Sammelwerken und Zeitschriften veröffentlicht. Aktueller Arbeitsschwerpunkt ist eine übergreifende regionalgeschichtliche Studie zur Architekturgeschichte der Moderne, die vor allem auch die kulturelle Konkurrenz zwischen dem deutschen und dem polnischen Teil Oberschlesiens in der Zwischenkriegszeit in den Blick nimmt.