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Dr. Rüdiger Ritter

"Der Konflikt um Oberschlesien nach dem Ersten Weltkrieg. Eine Quellenedition"

Nach dem Ersten Weltkrieg entspann sich zwischen Deutschland und Polen ein Konflikt um den Besitz Oberschlesiens. Auch das Eingreifen der Siegermächte brachte keine Lösung, so dass sich schließlich deutsche und polnische paramilitärische Formationen einander gegenüberstanden. Weder die Volksabstimmung von 1921 noch die Teilung des Gebiets durch die Alliierten beendeten die Gegensätze, so dass der Konflikt fortan einer der wichtigsten deutsch-polnischen Streitpunkte bildete. Die Geschichtsschreibung beider Seiten hat bis in die jüngste Zeit eine eingeschränkte Sicht auf die Ereignisse als nationalistische deutsch-polnische Auseinandersetzung bevorzugt und andere Sichtweisen kaum zur Geltung kommen lassen. Erst in allerjüngster Zeit nehmen vor allem jüngere Historiker neue Positionen ein: Die gesamteuropäische Dimension des Konflikts wird sichtbar, die Problematik Oberschlesiens als Grenzregion zwischen zwei Nationalstaaten wird auf neue Weise thematisiert, und die bisherigen Positionen deutscher und polnischer Historiker werden einer kritischen Selbstreflexion unterzogen. Immer noch gibt es keine Darstellung der Ereignisse, die diesen Erkenntnissen Rechnung trägt. Angesichts der großen Bekanntheit der Ereignisse auch in Bevölkerungskreisen außerhalb des engen Kreises der Wissenschaft stellt es daher ein Problem dar, dass man hier notgedrungen auf ältere Darstellungen zurückgreifen muss. Ziel des Projekts ist es daher, in Form einer kommentierten Quellenedition der Öffentlichkeit eine Handreichung zur Verfügung zu stellen, die von den nationalistischen Positionen beider Seiten abrückt und die Vielschichtigkeit des Oberschlesienkonflikts deutlich macht.

Publikation:
Rüdiger Ritter: Die Geschichtsschreibung über Abstimmungskämpfe und Volksabstimmung in Oberschlesien (1918 – 1921). Eine Auswahlbibliographie, Frankfurt / Main 2009: Lang, 166 Seiten (= Die Deutschen und das östliche Europa. Studien und Quellen, 5), ISBN 978-3-631-58551-1 

 

"Benjamin Bilse. Ein schlesischer Dirigent und Musiker als Mittler zwischen den Kulturen in Europa" (in Zusammenarbeit mit der Benjamin-Bilse-Gesellschaft e.V., Detmold) 

Benjamin Bilse (1816-1902), ein aus Liegnitz stammender Dirigent und Musiker, bereiste mit seinem Orchester die europäischen Kulturzentren in West und Ost. Seine Besonderheit im Vergleich zu vielen anderen reisenden Dirigenten bestand darin, dass er stets mit seinem ganzen Orchester anreiste und infolgedessen einen Klangkörper präsentieren konnte, der auf die Zeitgenossen eine hohe Faszination ausübte. So wurden Bilse und sein Orchester bald eine europäische Berühmtheit. Er spielte nicht nur in schlesischen Orten wie Breslau, sondern in den Musikzentren ganz Deutschlands und dann auch in den wichtigsten Kulturzentren Europas. Hervorzuheben sind insbesondere seine Auftritte in Paris, Wien, Amsterdam, Warschau, Riga und Petersburg („Musikalischer Bahnhof“ von Pawlowsk). Bilse ist heute zumeist nur deshalb bekannt, weil sich von seiner Kapelle ein Teil der Musiker abspaltete, aus dem dann die heutigen Berliner Philharmoniker hervorgingen. Die Kenntnis seiner Person und seines Wirkens ist aber vor allem deshalb von Interesse, weil sich an seinem Beispiel die Möglichkeiten und Grenzen des Kulturtransfers in der Musik im Europa des 19. Jahrhunderts aufzeigen lassen. Bilse „exportierte“ zum einen die bedeutendsten Musikwerke der deutschen Musikkultur und brachte seine ausländischen Zuhörer zu einer vertieften Auseinandersetzung damit, zum anderen nahm er aber auch die Erzeugnisse der Musikkulturen aus den von ihm besuchten Stätten in sein Repertoire auf, so dass es sich hier um einen wechselseitigen Kulturtransfer handelt. Dabei war es gerade die Herkunft Bilses aus Schlesien, die ihn schon früh ein interkulturelles Bewusstsein ausbilden ließ und ihn zur Wirksamkeit in Ost und West überhaupt erst befähigte. Geplant ist eine Konferenz und eine Publikation, die anhand ausgewählter Stationen und Beispiele diese Funktion Bilses deutlich werden lässt. Das Projekt wird in enger Zusammenarbeit mit der Benjamin-Bilse-Gesellschaft e. V. in Detmold realisiert.

Weitere Informationen:
Es liegen bereits diverse Behandlungen von Teilaspekten vor, vgl. www.bilse-gesellschaft.de